Sportdeutschland-News
„Es gibt keine Produkte zu kaufen, mit denen man im Wasser zu 100 Prozent sicher ist“
DOSB: Martin, die Zahl der Badetoten rüttelt nach jedem Sommer die Menschen auf, 2025 waren es wieder fast 400. Was umfasst diese Statistik eigentlich alles genau?
Martin Holzhause: Die Bezeichnung Badetote ist tatsächlich etwas irreführend, weil viele denken, dass es sich dabei um Menschen handelt, die beim Baden verunglücken. Tatsächlich sind in der Statistik alle tödlichen Unfälle im Wasser enthalten. Das bezieht also auch Wassersport mit ein, ebenso diejenigen, die vom Ufer ins Wasser stürzen, weil sie zum Beispiel betrunken sind, und dann ertrinken. Allerdings sind tatsächlich viele der Fälle Badeunfälle, die Mehrzahl ereignet sich zwischen Mai und Ende August. Sobald Sommerwetter einsetzt und es die Menschen ans Wasser zieht, geht es los. Dieses Jahr hatten wir über Pfingsten, als in ganz Deutschland hochsommerliche Temperaturen herrschten, mehr als 20 tödliche Unfälle. Darunter waren zum Beispiel Menschen, die sich nach dem Sporttreiben im Wasser abkühlen wollten. Erstaunlicherweise trifft es immer noch verhältnismäßig viele junge Männer, was sicherlich auch daran liegt, dass sich diese Gruppe in besonderem Maße selbst über- und Gefahren unterschätzt.
In jedem Jahr warnt die DLRG vor diesen Gefahren, die beim Baden insbesondere in Naturgewässern lauern. Welche sind aus deiner Sicht besonders relevant?
Generell lässt sich sagen, dass überall dort, wo Personal Aufsicht führt und aufpasst, also in Schwimmbädern oder an bewachten Seen und Stränden, deutlich weniger Unfälle passieren. Die Gefahren lauern größtenteils dort, wo Menschen unbeaufsichtigt ins Wasser gehen. Besondere Relevanz hat das Thema Selbstüberschätzung. Um Unfälle zu vermeiden, sollte man nie übermütig sein und seine eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzen. Drei fatale Fehler beobachten wir besonders häufig. Erstens: Menschen geben ihrem Körper zu wenig Zeit, um sich an kaltes Wasser zu gewöhnen. Gerade in den frühen Monaten, wenn die Temperaturen plötzlich ansteigen, ist das Wasser schon kurz unter der aufgeheizten Oberfläche noch sehr kalt. Wer dann überhitzt in dieses Wasser springt, belastet seinen Kreislauf stark. Besser ist, langsam ins Wasser zu steigen und den Temperaturunterschied gemäßigt zu überwinden. Das bewahrt im Übrigen auch davor, kopfüber in zu seichtes Wasser zu springen und dadurch Verletzungen bis hin zu dauerhafter Lähmung zu riskieren. Zweitens: Menschen neigen öfter dazu, zu weit auf ein Gewässer hinauszuschwimmen und nicht daran zu denken, dass auch noch der Rückweg absolviert werden muss. Oder sie unterschätzen die Strömung in fließenden Gewässern. Es sind sehr selten geübte Schwimmer, die ertrinken, sondern meist solche, die selten schwimmen und sich dann überschätzen. Unser Rat lautet deshalb, immer in Ufernähe zu bleiben. Und für Wassersportler gilt, dass sie immer an die eigene Sicherheit denken und eine Schwimmweste tragen sollten. Viele kaufen sich im Sommer zum Beispiel ein SUP-Board, kennen aber die Regeln für den sicheren Umgang damit nicht und werden dann überrascht, wenn sie ins Wasser fallen. Und drittens, die größte Gefahr: Alkoholkonsum vor dem Baden! Alkohol birgt mehrere Risiken, er trübt die Wahrnehmung, verlangsamt die Reaktionszeit, macht uns übermütiger und belastet den Kreislauf. Wer also mehr will, als nur im seichten Wasser plantschen, sollte die Finger von Alkohol lassen!
Der Klimawandel bringt mit deutlich höheren Temperaturen und durch Starkregen und Gewitter beeinträchtigten Gewässern weitere Herausforderungen mit sich. Wie hat sich die DLRG darauf eingestellt?
Auf mehreren Ebenen. Im Sinne des Bevölkerungsschutzes bilden wir Spezialisten für schnell strömende Gewässer aus, die im Fall von Überschwemmungen besser auf solche Lagen reagieren können. Zudem registrieren wir dadurch, dass es immer wärmer wird, eine deutliche Zunahme an Hitzetagen, die die Unfallwahrscheinlichkeit stark erhöhen. Die Menschen sind früher als vor zehn, 20 Jahren draußen unterwegs, die Aufenthaltsdauer am Wasser erhöht sich deutlich. Wir versuchen, darauf präventiv zu reagieren, indem wir mehr Personal einsetzen und die Menschen auch auf die zunehmenden Gefahren durch Klimaeinflüsse hinweisen.
Wie groß schätzt du die Gefahr ein, dass Menschen angesichts der vielen Warnungen das Vertrauen in das Element Wasser verlieren, und wie kann man dem entgegenwirken?
Unser Ansatz ist ja gerade, den Menschen zu vermitteln, dass sie sich mit dem Thema Schwimmen auseinandersetzen sollen. Das Element Wasser wirkt ja vor allem dann bedrohlich, wenn man zu wenig über den richtigen Umgang damit gelernt hat. Es ist unsere Pflicht, auf die Probleme hinzuweisen und die Phasen zu skizzieren, in denen die Unfallgefahr am höchsten ist. Aber wir tun dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit dem Fokus auf Problemlösungen, um den Menschen die Sorge vor dem Schwimmen zu nehmen. Es werden sich nie alle Unfälle vermeiden lassen, aber mit nachhaltiger Aufklärung können wir zumindest erreichen, dass es nicht von Jahr zu Jahr mehr werden. Im internationalen Vergleich haben wir eine Bevölkerung mit hoher Schwimmkompetenz, auch die Kinder können im weltweiten Vergleich gut schwimmen. Aber wir waren schon deutlich besser, und da wollen wir wieder hin.
Es gibt ja eine ganze Reihe an Hilfsmitteln, die Menschen beim Baden vorm Ertrinken schützen können, zum Beispiel mobile Schwimmsäcke. Welche davon hält die DLRG für zielführend, welche kann man sich sparen?
Im Freiwasser führen einige Menschen eine Boje mit sich, an der sie sich festhalten können, wenn sie zum Beispiel einen Krampf erleiden und sich im Wasser davon erholen müssen. Auch die mobilen Schwimmsäcke, die Menschen an der Wasseroberfläche halten sollen, können eine Hilfe sein. Auf der anderen Seite kann es auch sein, dass Menschen sich vor einem geplanten Schwimmausflug ein Hilfsmittel zulegen und sich dann zu große Distanzen vornehmen in dem Glauben, mit dem Hilfsmittel sicher zu sein. Unsere Botschaft ist deshalb ganz klar: Es gibt keine Produkte zu kaufen, mit denen man im Wasser zu 100 Prozent sicher ist. Wer nicht regelmäßig schwimmen geht, muss langsam anfangen und sich kleine Distanzen vornehmen.
Die Olympiabewerbung für einen positiven Blick auf die Zukunftsgestaltung nutzen
Lebensqualität und Umweltgerechtigkeit sind wichtige Bedingungen für eine nachhaltige Zukunft – sowohl in Deutschland und Europa. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie in Zeiten des Klimawandels und wachsender Ungleichheit verschiedene gesellschaftliche Bereiche, darunter der Sport, zu mehr Umweltgerechtigkeit beitragen können. Dazu haben wir das nachfolgende Interview mit dem Bundesumweltminister geführt.
DOSB: Herr Minister, wie priorisiert das Bundesumweltministerium (BMUKN) das Konzept der Umweltgerechtigkeit in seiner aktuellen Umweltpolitik? Und welche Rolle spielt Umweltgerechtigkeit in der ressortübergreifenden Zusammenarbeit, etwa mit dem Bundesgesundheitsministerium, den Bundesbauministerium oder dem Bundesverkehrsministerium?
CARSTEN SCHNEIDER: Wir alle haben im Kern doch die gleichen Bedürfnisse, wenn es um Umwelt und Natur geht. Wir wünschen uns saubere Luft zum Atmen, sauberes Wasser zum Trinken. Ein Ausflug ins Grüne gibt uns Kraft und Zuversicht. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, dass uns allen das unabhängig von Einkommen, Bildung, Alter, Geschlecht oder Herkunft möglich ist. Menschen, die in Quartieren mit mehr Lärm leben, brauchen umso mehr ein Stück Natur wie einen Park oder eine öffentliche Wiese in der Nähe.
Während die einen dort einfach die Seele baumeln lassen, sehen die anderen darin eine Einladung zu Bewegung und Sport. Das ist Gold wert für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden und das soll so bleiben. Mit Klimaschutz und Klimaanpassung bewahren wir uns und unseren Kindern auch solche grünen Kraftquellen. Womit wir wieder beim Stichwort Gerechtigkeit sind.
Im Zusammenhang mit Umweltgerechtigkeit werden unter anderem die sozialräumliche Verteilung von Umweltbelastungen wie Lärm und Luftverschmutzung sowie der Zugang zu Natur und Grünräumen diskutiert. Herr Minister, welche konkreten Schritte unternehmen Sie, um mehr Umweltgerechtigkeit aktiv in nationale Strategien und Förderprogramme zu integrieren?
Das Ziel von Umweltgerechtigkeit sind gesunde Umwelt- und Lebensverhältnisse für alle Menschen. Die Kommunen sind hier entscheidend, um Umwelt, Gesundheit, Soziales, Stadtentwicklung mit Grün- und Freiflächenentwicklung sowie Verkehr zusammenzudenken und danach zu planen. Aber auch der Bund macht viel. So schützt etwa das Immissionsschutzrecht Menschen vor Luftverschmutzung oder Lärm. Mit der Nationalen Wasserstrategie stellen wir uns Herausforderungen des Klimawandels wie Hitze- und Dürreperioden. Damit auch in Zukunft Wasser überall versorgungssicher und bezahlbar bleibt.
Naturnahe Grünflächen in der Stadt zu fördern, spielt im Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz, der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt sowie bei der Umsetzung der EU-Wiederherstellungsverordnung eine wichtige Rolle.
Wie beurteilen Sie die Rolle von Sportvereinen und -verbänden bei Maßnahmen für mehr Umweltgerechtigkeit? Können Sportorganisationen als aktive Partner bei der Umsetzung umweltpolitischer Ziele, etwa einer klimaangepassten Stadtplanung oder der Verbesserung der Lebensqualität in sozial benachteiligten Quartieren, eingebunden werden? Planen Sie beispielsweise Kooperationsformate, bei denen Sportorganisationen als Multiplikatoren für sozial-ökologische Transformation wirken können?
Der Sport hat da großes Potenzial- schon allein wegen der gesellschaftlichen Bedeutung von Sportvereinen: Sport verbindet uns - egal wie unterschiedlich wir sonst sind. Das Miteinander auf und neben dem Spielfeld tut uns individuell gut und stärkt den Zusammenhalt in unserem Land. Davon profitiert auch der Umweltschutz, der in einer gespaltenen Gesellschaft schnell unter die Räder gerät. Wer in der Natur Sport treibt, dem wird ihre Schönheit und Verletzlichkeit bewusst. Wir schützen, was wir schätzen – gerade der Sport ist auf eine gesunde Umwelt angewiesen. Das wissen Sportvereine und tragen durch Bildung und Aufklärung zum Umweltschutz bei. Wir sehen uns als Partner des nachhaltigen Sports und arbeiten schon lange mit den Sportorganisationen zusammen an einer nachhaltigeren Zukunft. Mit dem DOSB arbeiten wir - nach einer gemeinsamen Konferenz zu Klimaanpassung im Sport letztes Jahr - im Förderprojekt „Klima wandelt Sport“ daran, wie wir auch in Zukunft unter klimatisch veränderten Bedingungen – etwa mehr und längeren Hitzeperioden - Sport treiben können.
Welche Bedeutung sollte das Prinzip der Umweltgerechtigkeit bei einer möglichen deutschen Bewerbung um Olympische Spiele haben? Und sehen Sie die Chance, dass Deutschland mit einem konsequent auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Bewerbungskonzept eine internationale Vorreiterrolle übernimmt und zugleich eine positive Legacy schafft?
Ich bin ein Olympiafan und unterstütze voller Begeisterung die deutsche Bewerbung. Ich bin sicher, dass diese nur erfolgreich sein kann, wenn sie konsequent nachhaltig gedacht und geplant wird. Die Menschen in Deutschland wollen kein UFO, das hier für ein paar Wochen landet und dann weiterzieht. Olympia soll und wird dem Breiten- und Leistungssport einen starken Schub geben. Wir sind ja grundsätzlich gut aufgestellt für Sportgroßveranstaltungen in Deutschland – wie man an dem gemeinsam entwickelten Portal nachhaltige-sportveranstaltungen.de und an erfolgreich durchgeführten Welt- und Europameisterschaften z. B. im Fußball oder Handball, bei den Special Olympics oder den World University Games sehen kann. Der Schub muss dann auch in die Breite gehen, nicht zuletzt in die Modernisierung der Sportstätten.
Wir reden über olympische und paralympische Spiele in 10 bis 20 Jahren - das ist kurz vor der Klimaneutralität, zu der sich Deutschland rechtlich verpflichtet hat. Da kann Deutschland zeigen, wie Olympia konsequent sozial, partizipativ und ökologisch organisiert werden kann. Wir sollten die Olympiabewerbung für einen positiven Blick auf die Zukunftsgestaltung vor Ort nutzen. In was für einer Umwelt und Gesellschaft wollen wir im Jahr 2040 leben – und was müssen wir tun, um dort hin zu gelangen? So ein Projekt kann Mut machen und Gemeinschaft schaffen.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welches konkrete Projekt würden Sie gerne umgesetzt sehen, um Sport und Umweltgerechtigkeit in Deutschland effektiv miteinander zu verbinden?
Mehr Natur, in der man sich bewegen kann. Städte mit besser vernetzten Grünzügen tun uns sportlich gut, sind grüne Lungen für die Klimaanpassung und sorgen für eine vielfältige Stadtnatur.
Faszination Fußball: Fünf Gründe für Deutschlands Lieblingssport
1. Einfach und überall spielbar
Fußball ist leicht zu verstehen und noch leichter zu spielen. Du brauchst keinen perfekten Platz und keine teure Ausrüstung. Ein Ball reicht, zur Not tut es sogar eine Dose. Zwei Jacken als Torpfosten und schon kann es losgehen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten, die teure Ausrüstung oder spezialisierte Sportstätten benötigen, ist Fußball elementar. Genau diese Einfachheit sorgt dafür, dass fast jede*r den Sport kennt, selbst gespielt hat und das Geschehen auf dem Platz nachvollziehen kann. Ein klarer Vorteil gegenüber vielen anderen Sportarten.



