Sportdeutschland-News
Kopf, Herz und Bauch sind endlich wieder Freunde
Zu Hause ist es am schönsten? Ricarda Funk ist ein wenig zwiegespalten, wenn sie an das kommende Wochenende denkt. Natürlich freut sie sich riesig auf den Heimweltcup auf dem Augsburger Eiskanal, zu dem vom 12. bis 14. Juni (Infos und Zeitplan hier) rund 250 Slalomkanut*innen antreten werden. „Dass Freunde und Familie bei einem Weltcup vor Ort sind, passiert ja nur in der Heimat, und das genieße ich sehr“, sagt die Einerkajak-Olympiasiegerin von Tokio. Aber dass alle immer von Heimvorteil sprechen, behagt ihr nicht uneingeschränkt. „Der Druck wird dadurch nicht weniger, denn alle erwarten Bestleistungen, wenn man zu Hause antritt. Doch auch wenn es ein Vorteil ist, auf der Bahn Rennen zu fahren, auf der man täglich trainiert, so weiß man auch genau, was an welcher Stelle schief gehen kann. Der Kopf muss also auf jeden Fall mitspielen“, sagt die 34-Jährige, die im vergangenen Jahr intensiv erfuhr, was es bedeutet, wenn der mentale Stress auf ungesunde Art Grenzen sprengt.
In einem emotionalen Post auf ihren Social-Media-Kanälen hatte Ricarda vor einigen Wochen eine Art verbalen Schlussstrich unter eine Phase ihres Lebens gezogen, in der Selbstzweifel einen Transformationsprozess in Gang gesetzt hatten. „Es fühlt sich gut an, wenn Kopf, Herz und Bauch Freunde sind. Ein Gefühl, das ich letztes Jahr vermisst hatte“, schrieb sie. Im Gespräch mit dem DOSB erläutert die Sportsoldatin vom KSV Bad Kreuznach, was sich hinter dieser Botschaft verbirgt. „Nach meinem Olympiasieg 2021 in Tokio bin ich sofort in die Vorbereitung auf die Spiele in Paris eingestiegen. Ich habe keine Pausen gemacht, sondern war total darauf fixiert, in Paris meinen Erfolg zu bestätigen“, sagt sie. Als das wegen eines Fahrfehlers kurz vor Schluss, der sie auf Rang elf zurückwarf, misslungen war, fiel die Spitzenathletin in das berüchtigte Post-Olympia-Loch. „Nach Paris war eine Leere in mir, ich wusste nicht mehr, wohin ich wollte und warum ich das Ganze überhaupt noch mache“, sagt sie. Der Kopf habe all das infrage gestellt, was sie sich mit ihrem Herz für den Leistungssport erarbeitet hatte.
Im vergangenen Jahr erwog Ricarda sogar ein Karriereende
In dieser Zeit erwog Ricarda sogar, die aktive Karriere zu beenden. „Ich habe wirklich sehr hart mit mir gekämpft“, sagt sie. Rückblickend sei sie allerdings dankbar für diese Phase. „Es ist nicht so, dass ich das unbedingt gebraucht hätte, aber es hat geholfen, um Muster aufzubrechen und Dinge in Bewegung zu setzen. Menschen brauchen Balance. Mein Mobilé hing unfassbar schief, das musste ich justieren. Ich schaffe mir jetzt Raum für Dinge, zu denen ich früher konsequent Nein gesagt habe.“ So habe sie mit der Hilfe von Freunden, Familie und der Sportpsychologie ein neues Mindset erarbeitet, das darauf abzielt, durch mehr Erholung und das Zulassen von Genuss eine bessere Balance zwischen An- und Entspannung zu finden. „Ich habe im Training einiges verändert, setzte vermehrt auf Regeneration. Ich hoffe, dass ich von dem maßlosen Getriebensein auf der Jagd nach Medaillen zu einem ausgewogeneren Umgang mit mir und meinen Zielen finde. Am Ende ist das gesünder, als immer nur den nächsten Erfolg im Blick zu haben, denn dieses Hamsterrad hat sich nicht gut angefühlt“, sagt sie.
Was im Umkehrschluss natürlich nicht bedeutet, dass sie fortan ambitionslos in ihre Wettkämpfe starten würde. „Natürlich möchte ich auch weiterhin Rennen gewinnen. Aber mein wichtigstes Ziel ist es, an den Start zu gehen, völlig in der Sache aufzugehen und einen Flow zu erleben. Dann damit zufrieden zu sein, was auch immer herauskommt, wäre ein Gefühl, das ich genießen würde. Ich glaube, dass man leichter über sich hinauswachsen kann, wenn man komplett frei im Kopf ist.“ So offen über ihre psychischen Belastungen zu sprechen, sei ihr nicht schwer gefallen. „Höhen und Tiefen gehören gleichermaßen zum Sport dazu, es ist nicht immer Glanz und Gloria. Und ich finde es wichtig, dass wir darüber reden“, sagt sie, wohlwissend, dass die Hürde, sich dahingehend zu öffnen, für manche noch immer zu hoch ist. „Das sollte so nicht sein. Das psychologische Element wird im Leistungssport noch immer zu häufig unterschätzt, obwohl es auf höchstem Niveau unabdingbar ist, sich damit auseinanderzusetzen.“
An die Olympischen Spiele 2028 denkt sie noch gar nicht
Für Ricarda bedeutet die neue Herangehensweise, nur noch in kleinen Schritten vorauszuplanen. „Immer nur groß zu denken hat mich erdrückt, dadurch war ich emotional so unglaublich erschöpft. Mir tut es gut, einfach nur im Moment zu leben. Mein Antrieb ist die Liebe und Leidenschaft für den Sport“, sagt sie. An die nächsten Olympischen Spiele, die in zwei Jahren in Los Angeles anstehen, denke sie deshalb noch gar nicht, auch wenn sie unter den fünf Ringen gern einmal erleben würde, wie sich Erfolg und Erlebnis paaren. „Ich habe es ja leider zerstückelt erlebt. In Tokio habe ich Gold gewonnen, aber es durften wegen Corona keine Zuschauer dabei sein. In Paris war die Atmosphäre unglaublich, aber ich hatte nicht den erhofften Erfolg. Es wäre schon schön, wenn ich noch einmal beides gemeinsam haben könnte“, sagt sie.
In diesem Jahr steht sportlich die WM in Oklahoma City im Fokus, die vom 20. bis 25. Juli angesetzt ist. Im Mai war das Nationalteam für zwei Wochen in den USA vor Ort, um sich mit den Begebenheiten vertraut zu machen. „Die Strecke war komplett neu für mich, was ungewöhnlich ist. Meist kehrt man im Lauf seiner Karriere immer wieder an dieselben Orte zurück. Umso mehr habe ich es genossen, meinen Horizont zu erweitern. Ich habe mich in meine Kindheit zurückversetzt gefühlt“, sagt Ricarda, die sich wünscht, dass dem Saisonhöhepunkt mehr Wertschätzung entgegengebracht würde. „Olympische Spiele sind für unsere Sportart die einzige Chance, mal von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Alles, was zwischen den Spielen passiert, ist ein anderes Game, da wird man kaum gesehen, obwohl eine WM für uns fast so wertvoll ist wie Olympia“, sagt die viermalige Weltmeisterin.
Olympiabewerbung: Nationale Bewerber legen finale Konzepte vor
Ein Jahr nach Abgabe der Grobkonzepte haben drei nationale Bewerber ihre finalen Unterlagen fristgerecht beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) vorgelegt.
Die Konzepte aus Berlin, KölnRheinRuhr und München erfüllen alle Voraussetzungen der ersten beiden Auswahlstufen. In Stufe 1 wurden alle Bewerbungen auf ihre operative Machbarkeit sowie die Einhaltung zentraler Mindestanforderungen geprüft. In der zweiten Phase stand die gesellschaftliche und politische Stabilität für eine Bewerbung im Mittelpunkt: München und KölnRheinRuhr sicherten diese durch klare Zwei-Drittel-Mehrheiten in Bürgerentscheiden. In Berlin liegt ein Beschluss des Abgeordnetenhauses vor – ebenfalls mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Der vierte nationale Bewerber Hamburg zog seine Bewerbung zurück.
Darja Varfolomeev ist „Sportlerin des Monats“ Mai
Mit drei Goldmedaillen bei den Europameisterschaften in Warna, Bulgarien, hat Darja Varfolomeev einmal mehr ihre Ausnahmestellung in der Rhythmischen Sportgymnastik unter Beweis gestellt. Nach ihrem Titelgewinn im Mehrkampf sicherte sich die Olympiasiegerin von Paris zusätzlich die Goldmedaillen mit dem Ball und dem Band. Für diese herausragenden Leistungen wählten die Sporthilfe-geförderten Athletinnen und Athleten Darja Varfolomeev mit 54 Prozent zur „Sportlerin des Monats“ Mai.
Anders als bei Medien- oder Publikumswahlen entscheiden bei der Wahl zur Sportlerin bzw. zum Sportler des Monats ausschließlich Deutschlands beste Nachwuchs- und Spitzenathletinnen und -athleten. Dadurch erhält die Auszeichnung ihre besondere sportliche Wertigkeit. Zu Beginn eines jeden Monats stellt die Sporthilfe den rund 4.000 geförderten Athletinnen und Athleten Kandidatinnen oder Kandidaten zur Wahl, die sich im Vormonat durch herausragende Leistungen empfohlen haben. Die Stimmabgabe erfolgt per Online-Voting.
Hinter Darja Varfolomeev sichert sich Sportschützin Nele Stark (26,2 %) Rang zwei bei der Sporthilfe-Wahl. Die 20-Jährige überzeugte bei der Kleinkaliber-Europameisterschaft in Kroatien mit einem Weltrekord und Gold im Kleinkaliber-Dreistellungskampf. Gemeinsam mit Lisa Grub und Anna Janßen gewann sie zudem Mannschaftsgold. Den dritten Platz bei der Wahl belegt das deutsche Tischtennis-Nationalteam der Damen. Yuan Wan, Annett Kaufmann, Nina Mittelham, Ying Han und Sabine Winter (19,8 %) gewannen bei den Team-Weltmeisterschaften in London die Bronzemedaille. Nach nur einer Niederlage im Halbfinale gegen Japan belegte das deutsche Team den dritten Platz.
Für ihre herausragenden Leistungen waren die Athletinnen und Athleten von der Athletenkommission im DOSB, von SPORT1 und von der Sporthilfe für die Wahl nominiert worden.



