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Sportdeutschland-News

„Schwimmen ist eine Lebenskompetenz, die jeder Mensch erwerben sollte“

DOSB: Jan, der Bund hat für dieses Jahr 250 Millionen Euro für die Sanierung von Schwimmbädern in Aussicht gestellt. Freut man sich als DSV-Vorstandsvorsitzender darüber, oder sieht man schon jetzt eher die vielen Bäder, die trotzdem leer ausgehen werden? 

Jan Pommer: Zunächst einmal freuen wir uns darüber sehr, weil es in Zeiten knapper Kassen nicht selbstverständlich ist, dass finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Das kaschiert aber selbstverständlich nicht die Tatsache, dass der Gesamtbedarf für die Sanierung von Schwimmbädern in Deutschland um ein Vielfaches höher liegt. Unterschiedliche Schätzungen gehen von einer Summe bis zu zehn Milliarden Euro aus. Die Notwendigkeit für einen neuen Goldenen Plan ist offenkundig hoch.

Was ist bei der Verteilung der Gelder aus dem Sondervermögen aus deiner Sicht für die Schwimm-Infrastruktur besonders zu beachten? 

Wir haben uns stark dafür eingesetzt, dass die Antragsverfahren so einfach wie möglich gestaltet werden und dass auch Vereine selbst  diesen eigenständig anmelden können und nicht über ihre Kommune gehen müssen. Außerdem ist uns sehr wichtig, dass in dieser ersten Tranche vor allem Bäder saniert werden, die eine wichtige Rolle für das Schwimmenlernen spielen. Natürlich freuen wir uns auch über moderne Spaßbäder, aber die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung ist das Fundament, das wir dringend stärken müssen. Dafür braucht es funktionsfähige Lehrschwimmbecken, deshalb drängen wir darauf, dass es hier eine Priorisierung der Mittel geben kann und vor allem solche künftig errichtet werden.

Der DSV hat weiterhin mehr als 600.000 Mitglieder, auch die Zahl der Vereine ist leicht gestiegen. Wie groß sind die Probleme, diesen Menschen verlässlich die Möglichkeit zu bieten, Schwimmsport zu betreiben? 

Diese Frage möchte ich zweigeteilt beantworten. Auf der einen Seite müssen all jene Vereine, die keine eigenen Bäder betreiben, sehr hart um entsprechende Wasserzeiten kämpfen. Dabei stehen sie im Wettbewerb mit anderen Stakeholdern und werden auch mit den kommunalen Finanznöten konfrontiert. Wir haben natürlich Verständnis dafür, dass alle Seiten sehen müssen, wie sie ökonomisch tragfähig arbeiten. Aber in diesem Wettbewerb muss die Vereinsarbeit priorisiert werden. Das schadet sonst den Vereinen und damit auch all den Menschen, die ihren Schwimmsport nicht wie erwünscht ausüben können. Auf der anderen Seite haben wir ein grundsätzliches Problem, weil in Deutschland ganz einfach viel zu wenige Wasserflächen zur Verfügung stehen. Jedes Jahr schließen Bäder und werden auch nicht wieder eröffnet, auch weil der Betrieb fälschlicherweise als „Groschengrab“ gilt. Diesen Problemen stellen wir uns, aber wir schaffen das nicht allein. 

Die Zahlen der Menschen, insbesondere im Kinder- und Jugendbereich, die nicht schwimmen lernen, sind alarmierend. Was kann der DSV noch unternehmen, damit all die Appelle, die immer wieder von euch ausgehen, nicht ungehört bleiben? 

In der Tat ist der Status Quo schlecht. Jedes Jahr verlassen rund 500.000 Kinder die Grundschulen, ohne sicher schwimmen zu können. Die gute Nachricht ist aber, dass man dagegen durchaus vieles tun kann. Wir können mehr Angebote schaffen und besser, vor allem zielgerichteter dafür werben, damit diese auch bekannt werden. Uns geht es darum, allen Menschen klarzumachen, dass Schwimmen eine Lebenskompetenz ist, die jeder erwerben sollte. Aber natürlich auch, dass es ein wunderbarer Sport ist, der vom Kleinkind bis zum Greis ausgeübt werden kann. Wir müssen unsere Angebote noch niedrigschwelliger zugänglich machen. Außerdem müssen wir mehr Übungsleitende ausbilden. Dazu sprechen wir gerade mit dem Bund über eine Förderung, die das unterstützen könnte. Als letzten Punkt möchte ich die Chance herausstreichen, die uns die flächendeckende Umstellung auf den Ganztag in den Schulen bietet. Wenn wir mit allen daran beteiligten Institutionen gut und unkompliziert kooperieren, können wir darüber das Schwimmenlernen einer viel breiteren Zielgruppe näherbringen. 

Wie steht Deutschland eigentlich im internationalen Vergleich da? Wie ist es um die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung statistisch bestellt? 

Im europäischen Vergleich stehen wir leider nicht gut genug da, da waren wir schon besser und wollen unbedingt auf diesen Standard zurück. Weltweit gibt es sicherlich viele Regionen, in denen die Kulturtechnik Schwimmen nicht zur Selbstverständlichkeit gehört.

„Das Gefühl von Schwerelosigkeit und Freiheit im Wasser ist durch nichts zu ersetzen“

Wasser war schon immer mein Element, zumindest so lange meine Erinnerung zurückreicht. Ich war eins dieser Kinder, das man mit blauen Lippen aus dem Wasser ziehen musste, weil ich einfach nicht genug vom Schwimmen bekommen konnte. Ich habe es geliebt, bei uns in Bruchköbel, wo ich aufgewachsen bin, im Freibad die Wasserrutsche hinunterzurasen, vom Sprungturm zu springen und endlos im Wasser zu plantschen. Zum Glück hatte ich eine Oma, die mich zwar nicht ins kalte Wasser geworfen, aber mich doch sorgenfrei hineinspringen hat lassen. Und einen Papa, mit dem ich jeden Sonntag ins Schwimmbad gehen konnte. Irgendwann, ich muss acht Jahre alt gewesen sein, wollte ich unbedingt die ganzen Schwimmabzeichen erwerben und habe an einem Tag die Prüfungen für Silber und Gold hintereinander abgelegt. Da sagte der Bademeister zu meinem Vater: „Vielleicht sollten Sie das Mädchen mal in einen Schwimmverein geben!“

Das war allerdings auch schon zu Beginn der 2000er-Jahre nicht ganz so einfach. Unser Heimatverein hatte sechs Monate Wartezeit. Also bin ich zu unserem DLRG-Ortsverein gegangen und habe dort trainiert. Das Training fand manchmal parallel mit den „normalen“ Schwimmern statt, und weil die Vereinstrainer sahen, was ich schon konnte, haben sie Gnade walten lassen und mich in der Warteliste vorgezogen, so dass ich doch recht bald ein Probetraining absolvieren durfte. Das war der Beginn einer Leidenschaft, aus der viel mehr wurde als ein Hobby.

Was für mich die Faszination des Schwimmens ausmacht, kann ich bis heute ganz deutlich beschreiben. Es ist dieses Gefühl von Schwerelosigkeit und die Möglichkeit, in eine ganz eigene Welt abzutauchen. Wir alle tragen einen imaginären Rucksack mit uns herum, der mit unseren To-Dos, Sorgen und Belastungen gefüllt ist. Für mich war das Schwimmen immer das beste Rezept, um die Sorgen des Alltags – ob es Ärger im Freundeskreis war oder das Lernen für die Schule oder das Studium – hinter mir zu lassen. In dem Moment, in dem ich das Wasser über mir zusammenfließen sah und nur noch das Rauschen in meinen Ohren hörte, hatte ich ein Gefühl von Freiheit, das durch nichts zu ersetzen ist. Es gibt mittlerweile Tage, an denen ich nur für 500 Meter ins Schwimmbad fahre. Für eine ehemalige Leistungsschwimmerin ist das eine Distanz, für die eigentlich das Umkleiden nicht lohnt. Aber ich weiß, dass es mir guttut.

Wasser sollte niemals bedrohlich sein

Mir ist bewusst, dass gerade freie Gewässer, bei denen man nicht auf den Grund schauen kann, manchen Menschen Unbehagen und sogar Angst bereiten. Ich bin dankbar dafür, dass das bei mir nie der Fall war. Wasser sollte, sofern man sich mit den Gefahren auseinandersetzt, die Wettereinflüsse wie Sturm oder Gewitter mit sich bringen, niemals bedrohlich sein. Während meiner Leistungssportkarriere bin ich in der Freizeit tatsächlich nie ins Schwimmbad gefahren, sondern habe nur in Seen oder im Meer gebadet, weil ich abseits des Sports Wasser zur Entspannung nutzen wollte. Aber ich habe Wasser niemals als etwas betrachtet, das in mir Ablehnung hervorruft, sondern immer die Freiheit genossen, die es mir ermöglicht.

Dass aus meiner Leidenschaft ein Beruf wurde, war rückblickend eine logische Entwicklung. Ich bin bewusst Stufe um Stufe nach oben geklettert. Der Fakt, dass Schwimmen für mich mit Leistung verbunden war, hat zu keiner Zeit dazu geführt, dass ich den Spaß daran verloren habe. Mental war ich immer bereit dazu, mein Bestes zu geben. Es mag manche überraschen, aber ich habe 95 Prozent meiner Trainingseinheiten positiv empfunden. Zu sehen, was sich aus dem Körper herauskitzeln lässt, wenn man mit der notwendigen Disziplin ans Werk geht, hat mich immer fasziniert. Es gibt ja dieses Klischee, dass Schwimmtraining vor allem langweilig ist. Natürlich ist es nur ein Mythos, dass wir die Kacheln zählen. Im Training muss man immer fokussiert sein. Aber wenn man stumpf seine Ausdauerbahnen zieht, können die Gedanken schon mal abschweifen. Ich habe dann meist darüber nachgedacht, was ich noch einkaufen muss oder wen ich schon lange mal wieder anrufen wollte. Und irgendwie war das immer entspannend.

„Es gibt keine Produkte zu kaufen, mit denen man im Wasser zu 100 Prozent sicher ist“

DOSB: Martin, die Zahl der Badetoten rüttelt nach jedem Sommer die Menschen auf, 2025 waren es wieder fast 400. Was umfasst diese Statistik eigentlich alles genau?

Martin Holzhause: Die Bezeichnung Badetote ist tatsächlich etwas irreführend, weil viele denken, dass es sich dabei um Menschen handelt, die beim Baden verunglücken. Tatsächlich sind in der Statistik alle tödlichen Unfälle im Wasser enthalten. Das bezieht also auch Wassersport mit ein, ebenso diejenigen, die vom Ufer ins Wasser stürzen, weil sie zum Beispiel betrunken sind, und dann ertrinken. Allerdings sind tatsächlich viele der Fälle Badeunfälle, die Mehrzahl ereignet sich zwischen Mai und Ende August. Sobald Sommerwetter einsetzt und es die Menschen ans Wasser zieht, geht es los. Dieses Jahr hatten wir über Pfingsten, als in ganz Deutschland hochsommerliche Temperaturen herrschten, mehr als 20 tödliche Unfälle. Darunter waren zum Beispiel Menschen, die sich nach dem Sporttreiben im Wasser abkühlen wollten. Erstaunlicherweise trifft es immer noch verhältnismäßig viele junge Männer, was sicherlich auch daran liegt, dass sich diese Gruppe in besonderem Maße selbst über- und Gefahren unterschätzt.

In jedem Jahr warnt die DLRG vor diesen Gefahren, die beim Baden insbesondere in Naturgewässern lauern. Welche sind aus deiner Sicht besonders relevant?

Generell lässt sich sagen, dass überall dort, wo Personal Aufsicht führt und aufpasst, also in Schwimmbädern oder an bewachten Seen und Stränden, deutlich weniger Unfälle passieren. Die Gefahren lauern größtenteils dort, wo Menschen unbeaufsichtigt ins Wasser gehen. Besondere Relevanz hat das Thema Selbstüberschätzung. Um Unfälle zu vermeiden, sollte man nie übermütig sein und seine eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzen. Drei fatale Fehler beobachten wir besonders häufig. Erstens: Menschen geben ihrem Körper zu wenig Zeit, um sich an kaltes Wasser zu gewöhnen. Gerade in den frühen Monaten, wenn die Temperaturen plötzlich ansteigen, ist das Wasser schon kurz unter der aufgeheizten Oberfläche noch sehr kalt. Wer dann überhitzt in dieses Wasser springt, belastet seinen Kreislauf stark. Besser ist, langsam ins Wasser zu steigen und den Temperaturunterschied gemäßigt zu überwinden. Das bewahrt im Übrigen auch davor, kopfüber in zu seichtes Wasser zu springen und dadurch Verletzungen bis hin zu dauerhafter Lähmung zu riskieren. Zweitens: Menschen neigen öfter dazu, zu weit auf ein Gewässer hinauszuschwimmen und nicht daran zu denken, dass auch noch der Rückweg absolviert werden muss. Oder sie unterschätzen die Strömung in fließenden Gewässern. Es sind sehr selten geübte Schwimmer, die ertrinken, sondern meist solche, die selten schwimmen und sich dann überschätzen. Unser Rat lautet deshalb, immer in Ufernähe zu bleiben. Und für Wassersportler gilt, dass sie immer an die eigene Sicherheit denken und eine Schwimmweste tragen sollten. Viele kaufen sich im Sommer zum Beispiel ein SUP-Board, kennen aber die Regeln für den sicheren Umgang damit nicht und werden dann überrascht, wenn sie ins Wasser fallen. Und drittens, die größte Gefahr: Alkoholkonsum vor dem Baden! Alkohol birgt mehrere Risiken, er trübt die Wahrnehmung, verlangsamt die Reaktionszeit, macht uns übermütiger und belastet den Kreislauf. Wer also mehr will, als nur im seichten Wasser plantschen, sollte die Finger von Alkohol lassen!

Der Klimawandel bringt mit deutlich höheren Temperaturen und durch Starkregen und Gewitter beeinträchtigten Gewässern weitere Herausforderungen mit sich. Wie hat sich die DLRG darauf eingestellt?

Auf mehreren Ebenen. Im Sinne des Bevölkerungsschutzes bilden wir Spezialisten für schnell strömende Gewässer aus, die im Fall von Überschwemmungen besser auf solche Lagen reagieren können. Zudem registrieren wir dadurch, dass es immer wärmer wird, eine deutliche Zunahme an Hitzetagen, die die Unfallwahrscheinlichkeit stark erhöhen. Die Menschen sind früher als vor zehn, 20 Jahren draußen unterwegs, die Aufenthaltsdauer am Wasser erhöht sich deutlich. Wir versuchen, darauf präventiv zu reagieren, indem wir mehr Personal einsetzen und die Menschen auch auf die zunehmenden Gefahren durch Klimaeinflüsse hinweisen. 

Wie groß schätzt du die Gefahr ein, dass Menschen angesichts der vielen Warnungen das Vertrauen in das Element Wasser verlieren, und wie kann man dem entgegenwirken?

Unser Ansatz ist ja gerade, den Menschen zu vermitteln, dass sie sich mit dem Thema Schwimmen auseinandersetzen sollen. Das Element Wasser wirkt ja vor allem dann bedrohlich, wenn man zu wenig über den richtigen Umgang damit gelernt hat. Es ist unsere Pflicht, auf die Probleme hinzuweisen und die Phasen zu skizzieren, in denen die Unfallgefahr am höchsten ist. Aber wir tun dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit dem Fokus auf Problemlösungen, um den Menschen die Sorge vor dem Schwimmen zu nehmen. Es werden sich nie alle Unfälle vermeiden lassen, aber mit nachhaltiger Aufklärung können wir zumindest erreichen, dass es nicht von Jahr zu Jahr mehr werden. Im internationalen Vergleich haben wir eine Bevölkerung mit hoher Schwimmkompetenz, auch die Kinder können im weltweiten Vergleich gut schwimmen. Aber wir waren schon deutlich besser, und da wollen wir wieder hin.

Es gibt ja eine ganze Reihe an Hilfsmitteln, die Menschen beim Baden vorm Ertrinken schützen können, zum Beispiel mobile Schwimmsäcke. Welche davon hält die DLRG für zielführend, welche kann man sich sparen?

Im Freiwasser führen einige Menschen eine Boje mit sich, an der sie sich festhalten können, wenn sie zum Beispiel einen Krampf erleiden und sich im Wasser davon erholen müssen. Auch die mobilen Schwimmsäcke, die Menschen an der Wasseroberfläche halten sollen, können eine Hilfe sein. Auf der anderen Seite kann es auch sein, dass Menschen sich vor einem geplanten Schwimmausflug ein Hilfsmittel zulegen und sich dann zu große Distanzen vornehmen in dem Glauben, mit dem Hilfsmittel sicher zu sein. Unsere Botschaft ist deshalb ganz klar: Es gibt keine Produkte zu kaufen, mit denen man im Wasser zu 100 Prozent sicher ist. Wer nicht regelmäßig schwimmen geht, muss langsam anfangen und sich kleine Distanzen vornehmen.

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