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„Es war und ist eine wilde Reise, die uns an Grenzen gebracht hat“
DOSB: Michael, welche Bedeutung hat die erste WM in Deutschland für euren Sport hierzulande?
Michael Schwarzer: Die mit Abstand größte, die ein Turnier in der noch jungen Geschichte unseres Sports je hatte. Wir haben schon einige internationale Events gespielt, aber noch nie zu Hause und vor allem auch noch nie mit der Aussicht auf die Qualifikation für Olympische Spiele.
Seit Flag Football 2023 ins Olympiaprogramm für Los Angeles aufgenommen wurde, ist sehr viel passiert in eurem Sport. Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Entwicklungsschritte, die gegangen wurden?
Die vergangenen drei Jahre waren wirklich eine super spannende Zeit, die uns in einem Rekordtempo auf ein anderes Niveau gehoben hat. Wir waren anfangs ein normaler nicht-olympischer Fachverband, der über die Aufnahme ins Programm der World Games in die Förderung gerutscht ist. Und nun sind wir zumindest vorläufig ein olympischer Fachverband. Das war und ist eine wilde Reise, denn die notwendigen Strukturen aufzubauen, um den Förderrichtlinien des DOSB und des Fördermittelgebers Bundeskanzleramt gerecht zu werden, war eine Herausforderung, die uns an Grenzen gebracht hat. Wir mussten eine Bundesliga aufbauen, die es in der Form nicht gab, um ein Zuhause für den Regelspielbetrieb zu schaffen. Dazu galt es, das notwendige qualifizierte Personal für den Trainings- und Organisationsbereich zu finden, was sehr wichtig war, um auf internationalem Niveau mithalten zu können. Und wir konnten dank der Unterstützung des DOSB und der Politik auch in den Altersklassen U15 und U17 Jugend-Nationalkader als Unterbau für die A-Nationalmannschaften aufbauen.
Wie hat sich die Zahl der Mitglieder und Vereine über die vergangenen Jahre entwickelt?
In einem Tempo, das uns ehrlich gesagt ein wenig über den Kopf gewachsen ist. Wir gehören weltweit zu den Top drei der am schnellsten wachsenden Sportarten, bei den Frauen ist es meines Wissens die am schnellsten wachsende. Es geht überall steil bergauf. Vor der Aufnahme ins olympische Programm hatten wir 780 Mitglieder in 52 Mannschaften, laut der aktuellen Erhebung von Mai 2026 sind wir nun bei 8784 Mitgliedern in 601 Mannschaften. Um diesem Ansturm gerecht zu werden, haben wir uns mit den Landesverbänden zusammengetan, um zu ergründen, welche Schritte wir gemeinsam gehen konnten. Zum Beispiel musste eine komplette Trainerausbildung implementiert werden, denn es gab schlicht keine Trainerinnen und Trainer, die auf Flag Football spezialisiert waren. Man muss aber die Tackle-Variante und Flag Football unbedingt differenziert betrachten. Das ist der Grund dafür, dass es bislang noch keine A-Lizenz-Inhaber in Deutschland gibt. Strukturell sind wir an manchen Stellen noch nicht so weit, wie wir sein müssten und sein wollten, so ehrlich müssen wir sein.
Welches Potenzial siehst du für den Flag Football im Vergleich zum Tackle-Football in Deutschland?
Der Anstieg wird so lange anhalten, bis der Markt gesättigt ist. Und das kann noch eine ganze Weile dauern. Der Einstieg in den Flag Football ist um ein Vielfaches einfacher als in die Tackle-Variante, denn Flag Football ist deutlich weniger verletzungsträchtig, und man benötigt keine komplette Schutzausrüstung. Das Potenzial ist riesig, vor allem mit Blick darauf, Kinder und Jugendliche an den Sport heranzuführen, aber die Strukturen müssen natürlich mitwachsen. Und was das Zuschauerpotenzial angeht, ist die Tackle-Variante klar dominierend, daran werden auch die Olympischen Spiele nichts ändern. Flag Football ist kein gewachsener Fernsehsport.
Die gesamte Organisation der Ausrichtung der WM übernimmt die Agentur D-Sports. Wie seid ihr als Verband dennoch in die Organisation eingebunden?
Tatsächlich gar nicht. Das lokale Organisationskomitee organisiert alles für alle 32 teilnehmenden Mannschaften. Wir konnten uns nicht einmal selbst ein Hotel buchen. Als bekannt wurde, dass es die WM in Düsseldorf geben wird, haben wir mit dem Landesverband Nordrhein-Westfalen unsere Hilfe für die Akquise von Freiwilligen angeboten. Ansonsten haben wir mit der Ausrichtung als Verband nichts zu tun.
Welche Rolle spielt die Stadt Düsseldorf für den Flag Football?
Eine ganz entscheidende, denn die Stadt hat sehr stark dafür geworben, diese WM ausrichten zu dürfen. Mit den Firecats gibt es in Düsseldorf im Frauenbereich ein absolutes Vorzeigeteam, das viel für das positive Image unseres Sports tut. Außerdem ist Düsseldorf seit 2022 Standort des Hauptquartiers der NFL in Deutschland. Insofern ist die Stadt extrem wichtig für den Flag Football.
In welcher Form unterstützt die NFL die Entwicklung des Flag Footballs in Deutschland?
Seit die NFL Deutschland ihr Büro in Düsseldorf hat, haben wir als Verband endlich Ansprechpartner, die die Probleme und Strukturen in Deutschland kennen. Amerikaner sind von den Vereinsstrukturen, die es hier gibt, schnell überfordert, so etwas gibt es in den USA nicht. Dank der NFL Deutschland, die mit Personal und finanziellen Mitteln wie zum Beispiel über das Projekt „Flag Up“, das Schulen oder Vereinen komplette Ausrüstungssets zur Verfügung stellt, unterstützt, ist Flag Football an die Schulen gekommen. Daraus generieren unsere Vereine eine Menge neuer Mitglieder.
Die Faszination der Vielseitigkeit
Die besondere, weltweit geschätzte Atmosphäre, die der Sportpark Soers in Aachen für den Pferdesport entwickeln kann, hat Julia Krajewski schon früh schätzen gelernt. 17 Jahre war sie alt, als 2006 zum bislang letzten Mal die damals noch als Weltreiterspiele bekannten Weltmeisterschaften in Deutschland ausgetragen wurden. „Ich war damals mit meinen Eltern am Geländetag zu Fuß unterwegs und habe die Stimmung auf mich wirken lassen. Aachen war schon damals wahnsinnig beeindruckend und ist es bis heute geblieben“, sagt die Vielseitigkeitsreiterin, die in dieser Woche vor einer ganz besonderen Herausforderung steht. Im Zuge der Heim-WM, die von diesem Dienstag bis zum 23. August ausgetragen wird, geht sie im Einzel und mit der Mannschaft auf Medaillenjagd. „Eine WM in Aachen als Sportlerin erleben zu dürfen, ist etwas ganz Besonderes. Natürlich ist der Druck hoch, weil das Publikum Erfolge von einheimischen Reitern sehen will. Aber damit kann ich umgehen und freue mich riesig auf die kommenden Tage“, sagt die 37-Jährige.
Ihr Name ist auch Pferdesport-Laien spätestens seit den Olympischen Spielen 2021 in Tokio ein Begriff. Als erste Frau in der Geschichte der Vielseitigkeit, die aus den Teildisziplinen Dressur, Geländeritt und Springen besteht, konnte die Niedersächsin mit ihrer 2023 vom Leistungssport zurückgezogenen Stute Amande de B’Neville Olympiagold gewinnen. „Olympiasiegerin bleibt man für immer, damit kann jeder etwas anfangen“, sagt sie, „die Dinge funktionieren zwar auch danach nicht von allein, aber man bekommt mehr Möglichkeiten, mit Sponsoren oder Pferdebesitzern zu arbeiten.“ Besonders gefreut habe sie sich darüber, dass ihr Triumph viele Mädchen und Frauen dazu inspiriert hat, ebenfalls den Weg in den Pferdesport zu suchen. „Ich habe viele Zuschriften bekommen, auch aus Ländern, in denen es nicht selbstverständlich ist, dass Frauen im Pferdesport aktiv sind“, sagt sie. Persönlich habe sie vor allem in puncto Selbstvertrauen profitiert. „Der Olympiasieg hat mir gezeigt, dass ich ganz oben mithalten kann, er hat mich gelassener werden lassen.“
Vor vier Jahren gewann Julia WM-Gold mit dem Team
Aus sportlicher Sicht ist WM-Gold in der Reitwelt genauso hoch angesehen wie olympisches Gold, auch weil die Welttitelkämpfe ebenfalls nur alle vier Jahre ausgetragen werden. Deshalb strebt Julia, die 2022 in Pratoni del Vivaro (Italien) Gold mit dem Team und Silber in der Einzelwertung gewinnen konnte, in Aachen erneut nach der doppelten Krönung. „Mit dem Team ist eine Medaille absolut drin, für eine Einzelmedaille muss die Tagesform stimmen und vieles perfekt laufen“, lautet ihre ehrliche Selbsteinschätzung. Wenn sie ihr Ziel, in jeder Teildisziplin die bestmögliche Leistung zu bringen, erreicht, dürfte ein Abschneiden wie vor vier Jahren zumindest im Bereich des Machbaren liegen.
Dass in der Vielseitigkeit die Mannschaftswertung, die aus den Einzelergebnissen zusammengesetzt wird, Priorität besitzt und in gewissen Konstellationen das persönliche Abschneiden zurückgestellt werden muss, ist für Julia Krajewski noch nie ein Problem gewesen. „Ich habe es früh gelernt, dass zuerst geschaut wird, wie die beste Teamleistung geliefert werden kann. Wenn das bedeutet, dass man zum Beispiel mit einem eher vorsichtigen Ritt im Gelände die persönlichen Medaillenchancen schmälert, aber das Resultat des Teams absichern kann, ist das für mich fein. Wenn das Team eine Medaille gewinnt, gewinnt in der Regel auch mindestens ein Teammitglied eine Einzelmedaille. Und davon profitiert mal der eine und mal die andere. Im Team fängt man sich gegenseitig auf, deshalb ist eine Teammedaille etwas sehr Besonderes“, sagt sie auch mit Blick auf ihre ersten Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro, als sie mit Samourai du Thot das Streichergebnis lieferte, aber dennoch Teamsilber gewann.
Bundestrainer Thomsen fehlt wegen eines Reitunfalls
In diesem Jahr sind neben ihr der vierfache Olympiasieger Michael Jung (43/Horb) mit Chipmunk, Malin Hansen-Hotopp (48/Hürup) mit Carlitos Quidditch, Libussa Lübbeke (25/Warendorf) mit Caramia und Christoph Wahler (32/Uelzen) mit D'Accord für das Team nominiert. Reservereiter ist Arne Bergendahl (35/Hamminkeln) mit Bronco. Welche vier Duos für den Teamwettbewerb nominiert werden, entscheidet sich kurzfristig. Nicht dabei ist einer, der Julia Krajewski für persönliche Gespräche besonders fehlen wird: Peter Thomsen. Der Bundestrainer erholt sich noch immer von den Folgen eines Reitunfalls im Juni, der 65-Jährige wird vom Franzosen Rodolphe Scherer vertreten. „Das funktioniert gut und hat sich schnell eingespielt. Wir sind nach Peters Ausfall noch einmal enger zusammengerückt und wollen nun für ihn Medaillen holen“, sagt Julia.
Wer die Pferdewirtschaftsmeisterin fragt, worin für sie die Faszination der Vielseitigkeit liegt, erhält eine Antwort, die erahnen lässt, wie tief ihre Leidenschaft für den Sport sitzt, und wie verantwortungsbewusst sie gleichzeitig für die Beziehung zum Sportpartner Pferd eintritt. „Die Herausforderung ist, die Pferde so umfassend und komplex zu trainieren, dass sie alle drei Disziplinen in etwa gleich gut beherrschen. Die Pferde sind quasi Triathleten, sie sind Alleskönner, die Ausdauer im Gelände, Ausdruck in der Dressur und Technik im Springen in sich vereinen“, sagt sie. Immer wieder aufs Neue überrasche sie die Intelligenz der Tiere, die innerhalb weniger Stunden zwischen den Herausforderungen umschalten könnten. „Das ist jedes Mal beeindruckend und deshalb strategisch auch sehr spannend.“
Während in Zeiten, als die Vielseitigkeit noch unter Military firmierte, manchmal geunkt wurde, dass deren Protagonist*innen im Reiten zwar vieles ein bisschen, aber nichts richtig beherrschen würden, hat sich das Ansehen längst gewandelt. „Die besten Vielseitigkeitsreiter halten mittlerweile auch in Wettkämpfen in den Spezialdisziplinen mit der Weltspitze mit. Das Niveau ist wahnsinnig hoch und wird in der Szene respektiert und anerkannt“, sagt Julia, die persönlich keine Lieblingsdisziplin hat. „Das ist pferde- und situationsabhängig. Das größte Talent habe ich wohl in der Dressurarbeit. Beim Springen hat es etwas länger gedauert, bis ich mich sicher fühlte, aber das geht mittlerweile auch problemlos.“ Das größte Augenmerk legt sie sowohl bei sich selbst als auch beim Pferd auf die körperliche Fitness. „Ausdauer- und Konditionsarbeit ist die Basis. Die konditionelle Grundlage beim Pferd muss gut sein, das dient der Gesunderhaltung. Erst danach schauen wir, ob das Pferd mehr Gymnastik oder mehr Sprungtraining braucht. Individualität zu beachten ist extrem wichtig.“
Extremhitze verändert den organisierten Sport
Besonders sichtbar wurde dies in den vergangenen Wochen bei der Tour de France. Erstmals in der Geschichte des Rennens wurde eine Etappe aufgrund extremer Hitze verkürzt, nachdem für Teile der Strecke die höchste Hitzewarnstufe ausgerufen worden war. Gleichzeitig bereiteten sich die Organisatoren auf weitere Einschränkungen bis hin zu möglichen Etappenabsagen vor, sollte sich die Wetterlage weiter verschärfen. Die Gesundheit von Athlet*innen, Helfer*innen und Zuschauer*innen stand dabei im Mittelpunkt der Entscheidungen.
Auch in Deutschland hat die Hitzewelle Auswirkungen auf den Sportbetrieb. Zahlreiche Sportvereine und Veranstalter reagierten in den vergangenen Wochen mit angepassten Trainingszeiten in den frühen Morgen- oder Abendstunden, zusätzlichen Trink- und Kühlmöglichkeiten sowie Änderungen bei Turnieren und Laufveranstaltungen, um die gesundheitlichen Belastungen für Teilnehmende und Ehrenamtliche zu reduzieren.



