Sportdeutschland-News
Eine historische Entscheidung – und was sie für Athlet*innen bedeutet
Für alle Mitglieder der weltweiten Sportfamilie, die Überraschungen lieben, dürfte der vergangene Mittwoch ein spannender Tag gewesen sein. Ich glaube, dass nicht viele mit dem gerechnet hatten, was Pau Gasol zum Ende der außerordentlichen Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne verkünden konnte. Der frühere NBA-Spieler und Superstar im Basketball, der unserer IOC-Athletenkommission vorsitzt, stellte das neue Vergütungsprogramm „Fit for the Future Olympian Grant“ vor. Und ich gebe gern zu, dass mich dieser Moment wirklich sehr bewegt hat. Wenn eine Forderung, die seit vielen Jahren seitens der Athletinnen und Athleten weltweit an das IOC herangetragen wurde, zur Realität wird, ist das schon ein Anlass, um einmal kurz innezuhalten und sich seiner historischen Bedeutung zu vergewissern.
Warum ich die Historie bemühe? Weil es das erste Mal ist, dass das IOC als Dachorganisation des Weltsports eine direkte Zahlung an diejenigen veranlasst, die es stets als den Mittelpunkt seines Wirkens bezeichnet. In vielen Gesprächen haben olympische Sportlerinnen und Sportler in den vergangenen Jahren den dringenden Wunsch an ihre gewählte Vertretung adressiert, an den durch ihr Zutun maßgeblich beeinflussten Einnahmen partizipieren zu können. Die Antwort, die wir genauso oft gegeben haben, dass das IOC rund 90 Prozent seiner Einnahmen wieder in den Sport investiert, damit möglichst viele am Erfolg der Olympischen Spiele teilhaben können, hat selten überzeugt. Diese Teilhabe als Cash auf dem eigenen Konto zu sehen – das war das wichtigste Anliegen für viele Athletinnen und Athleten weltweit.
Nun wird Cash fließen. „Fit for the Future Olympian Grant“ ermöglicht es allen Teilnehmenden an Olympischen Spielen, sechs Monate nach ihrer Teilnahme einen Zuschuss von 10.000 US-Dollar zu beantragen. Ausgezahlt wird er an alle, die sich keines Verstoßes gegen den Wertekodex schuldig gemacht haben. Mit rund 14.000 Antragsberechtigten pro Olympiade kalkuliert das IOC, das dafür 140 Millionen Dollar aus Rücklagen der Olympischen Stiftung verwendet. Die Stiftung wurde vom IOC mit der Unterstützung der Aktivitäten der Olympischen Bewegung betraut.
Auf DOSB-Mission durch Afrika: Das abenteuerliche Berufsleben des Tobias Antoni
„Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“ Dem Philosophen und Theologen Augustinus von Hippo, der im 4. Jahrhundert lehrte, wird dieses Zitat zugeschrieben, und wenn man es für bare Münze nimmt, dann ist Tobias Antoni ein Mensch, der ziemlich schnell liest. Die Liste der Länder, die der 31-Jährige in den vergangenen zwei Jahren bereist hat, kann sich jedenfalls sehen lassen. 2024 war er in Uganda, Kenia, Tansania und Burundi, 2025 kam Namibia dazu, in diesem Jahr waren es der Senegal, Südafrika und Simbabwe. Dennoch ist Tobias nicht das, was man klassisch unter einem Weltenbummler verstehen würde, denn die Tripps ins östliche und südliche Afrika hat er nicht in seinem Urlaub absolviert, sondern auf dienstlicher Mission für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).
Im Jahr 2022 war der Kölner, der an der Deutschen Sporthochschule in Köln ein Masterstudium in „International Sport Development and Politics“ gemacht hat, vom Dachverband Special Olympics Deutschland (SOD) zum DOSB gewechselt, um im Ressort Internationales unter der Leitung von Katrin Grafarend als Referent für Internationale Beziehungen unter anderem das Projekt „Inclusion through Sports“ zu übernehmen. Dessen wichtigstes Ziel ist es, die globale Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung durch gemeinsames Sporttreiben mit Nicht-Behinderten voranzutreiben.
Internationales Engagement wird von großen Sportnationen erwartet
Der DOSB, zu dessen Mitgliedsorganisationen SOD zählt, hat die Federführung dieses Projekts vor vier Jahren übernommen, um über sein starkes Netzwerk mit anderen Nationalen Olympischen Komitees den inklusiven Sport in den globalen Sportstrukturen zu etablieren. Sich in Auslandsprojekten dieser Art zu engagieren, ist für den Dachverband des deutschen Sports ein sehr wichtiges Themenfeld. Solidarität gilt als enorm relevanter Wert in der olympischen Bewegung. Internationales Engagement wird von großen Sportnationen, zu denen Deutschland zweifelsohne zählt, erwartet. Indem der DOSB international Verantwortung für Hilfsprojekte übernimmt, kann er wertvolle Beiträge zur weltweiten Sportentwicklung leisten.
Tobias Antoni hatte, als er zum DOSB kam, keine außergewöhnliche Verbindung zu Afrika. Zwar stammt seine Freundin aus Nigeria, und nach dem Abitur hatte er über den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“ als assistierender Sportlehrer ein Jahr in Ghana gearbeitet, was ihn stark prägte. „Aber dass sich mein beruflicher Schwerpunkt in den vergangenen Jahren auf Afrika konzentrieren würde, war Zufall“, sagt er. Was er mitbrachte, war die notwendige Portion Abenteuerlust, die er angesichts seiner Erfahrungen für unerlässlich hält. „Wenn man grundsätzlich ein vorsichtiger Mensch ist, dann ist dieser Job sicherlich nicht das Richtige“, sagt er und grinst breit. Die Fähigkeit zum Improvisieren und der Langmut, sich von Widrigkeiten aller Art nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, seien wichtige Faktoren, um Projektarbeit dieser Ausprägung mit Erfolg und Freude zu verrichten.
Tobias setzt intensiv auf Einbindung lokalen Personals
Seine Hauptaufgabe vor Ort beschreibt Tobias als die des Projektmanagers. In Gruppen von 20 bis zu 50 Personen – im Schnitt sind es 40 – bietet er vier Tage dauernde Workshops an, in denen Menschen aus der Region zu Trainer*innen im Inklusionssport weitergebildet werden. Die direkte Zielgruppe sind Lehrer*innen, die mit rund 80 Prozent die deutlich größte Gruppe stellen, aber auch Trainer*innen und Verbandsvertreter*innen. Zum Abschluss eines jeden Workshops müssen die Prüflinge Mini-Events veranstalten, bei denen vorrangig Kinder und Jugendliche inklusiv miteinander Sport treiben. „Unser wichtigstes Ziel ist es, Menschen aus verschiedenen Sportarten und Lebensbereichen untereinander zu vernetzen, um ein regionales Netzwerk für den Inklusionssport zu knüpfen“, sagt Tobias. Seit dem Projektstart 2023 sind 650 Menschen zu entsprechenden Trainer*innen ausgebildet worden.
Dabei setzt Tobias intensiv auf die Einbindung lokalen Personals, das aus den jeweiligen NOKs oder von Special Olympics kommt. „Ich bringe viel Fachkompetenz mit, spreche aber nicht gut genug Französisch, um damit Kurse alleine leiten zu können. Und Englisch reicht oftmals auch nicht aus, weil insbesondere in ländlichen Regionen die Menschen, die wir schulen, oft lokale Sprachen sprechen. Da ist es unverzichtbar, Mitarbeitende zu haben, die die Sprache sprechen und sich mit den lokalen Gepflogenheiten auskennen“, sagt er. Zwar finden die Workshops oft in den Hauptstädten statt, aber um eine flächendeckende Verbreitung zu garantieren, gehen sie auch auf Tour durch das Land.
„Wir sind in der Lage, dem IOC ein sehr gutes Angebot zu machen“
DOSB: Herr Mronz, wie fällt das Fazit zur 146.-Session aus?
Michael Mronz: Die Session hat in unterschiedlichen Bereichen wichtige Weichen für die Zukunft der Olympischen Bewegung gestellt. Es war eine große Einigkeit innerhalb der olympischen Familie zu spüren. Das von IOC-Präsidentin Kirsty Coventry initiierte Programm „Fit for the Future“ entfaltet bereits nach einem Jahr ihrer Amtszeit seine erste Wirkung. Die wichtigste Entscheidung war die Stärkung der politischen Neutralität des Sports. Es wurde deutlich gemacht, welch hohe Bedeutung die Autonomie des Sports hat. Der Sport ist ein eigenständiger, positiver Akteur mit Vorbildcharakter, der nicht als Ausputzer politischer Entwicklungen missbraucht werden darf. Aber auch die direkte finanzielle Unterstützung für alle Athletinnen und Athleten, die an den Spielen teilnehmen, ist ein wichtiger Schritt. Aus nationaler Sicht waren zudem die Entscheidungen, die den künftigen Bewerbungsprozess um Olympische Spiele betreffen, von besonderem Interesse.
Was sind mit Blick auf die deutsche Olympiabewerbung die wichtigsten Änderungen?
Die Änderungen sind eine logische Weiterentwicklung der erfolgreichen Reformen, die unter dem heutigen IOC-Ehrenpräsidenten Thomas Bach umgesetzt wurden. Das IOC reagiert damit auf unterschiedliche Forderungen, die im Konsultationsprozess des vergangenen Jahres artikuliert wurden. Die IOC-Member wollen wieder stärker in den Auswahlprozess involviert werden, die Bewerber möglichst viel Planbarkeit, zeitliche Vorgaben und Transparenz. Ich persönlich finde, dass der neue Prozess die Grundlage dafür bildet, dass viele dieser Wünsche erfüllt werden können. Eine wichtige Neuerung ist dabei die Einführung einer zusätzlichen Dialogstufe. Auf den „Continuous Dialogue“ folgt jetzt der „Strategic Dialogue“. Diese strategische Dialogphase soll im Rahmen der Vergabe der Spiele 2036 erstmals im März 2027 beginnen und den Austausch zwischen dem IOC und interessierten Bewerbern weiter vertiefen, auch um eine möglichst hohe Passfähigkeit mit den IOC-Zielen zu schaffen. Ende 2028 soll – so die vorgestellten Planungen – dann der „Targeted Dialogue“ mit einem oder mehreren Bewerbern eröffnet werden.
Bedeutet die Tatsache, dass ein „Targeted Dialogue“ mit mehreren Bewerbern eröffnet werden kann, automatisch, dass es bei der IOC-Session zu einer Kampfabstimmung kommen wird?
Nein, nicht zwingend. Auch bislang war es möglich, dass das IOC den „Targeted Dialogue“ mit mehreren Bewerbern eröffnet. Und auch wenn sich mehrere Bewerber in dieser Dialogstufe befinden sollten, ist es möglich, dass am Ende der Session nur ein Kandidat vorgeschlagen wird.




