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„Wir müssen glaubhaft vermitteln, dass wir da sind, wenn etwas passiert“
DOSB: Die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sind in der gesamten Republik ein wichtiges Thema. Christian, mit welchen Gefühlen schaust du persönlich nach dem monatelangen Wahlkampf in Sachsen-Anhalt auf den 6. September?
Christian Schreiber: Bei uns hat sich das Gefühl exponentiell verstärkt, dass wir wegen des sehr intensiven Austauschs im Verband über die vergangenen Monate an einem Punkt sind, wo wir spüren: Es braucht jetzt einen Abschluss. Gefühlt befinden wir uns in einem intensiven Endspurt, der Wahlkampf ist lauter als sonst. Jeder hatte die Chance, sich ein Bild zu machen, wie sich die Parteien positionieren und äußern. Das Szenario wird, da müssen wir nicht drumherum reden, davon geprägt, dass die AfD in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, aber in den Umfragen deutlich führt. Jetzt brauchen wir die Wahl und die Ergebnisse, damit wir damit arbeiten können.
Ihr habt über Monate den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt verfolgt. Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?
Christian Schreiber: Wir haben uns als Landessportbund viele Gedanken gemacht, uns sehr intensiv mit den Positionen der Parteien auseinandergesetzt. Ich bin ja nicht nur Geschäftsführer im LSB, sondern auch Sachsen-Anhalter, ich lebe in Halle und spüre, dass es ein Wahlkampf ist, der anders ist als vorherige, weil die AfD in Umfragen so weit vorn liegt, dass es zu einer parlamentarischen Mehrheit reichen könnte. Das gesellschaftliche Klima ist angespannter als sonst. Die Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik ist immens. Das Spannungsfeld reicht von „Ich würde der aktuellen Politik keine guten Noten geben, aber wähle nicht AfD“ bis hin zu „Ich bin aus Überzeugung loyaler Follower der AfD“. Wir nehmen dieses Spannungsfeld überall wahr, sehen die Aufläufe an den Wahlständen. Das erzeugt ein Gefühl von Ungewissheit, und das ist unangenehm. Diese Stimmung ist greifbar.
Ihr habt euch auch konkret eingebracht, habt zwölf plus zwei Wahlprüfsteine an alle derzeitigen Fraktionen des Landtages sowie das BSW gesendet und sportpolitische Forderungen gestellt. Was sind eure Erkenntnisse bisher?
Christian Schreiber: Unsere Kreis-/Stadtsportbünde sowie Fachverbände und Vereine wollten wissen, wie wir uns positionieren. Wir haben mit allen Parteien dazu gesprochen, zunächst ohne AfD und BSW, später auch konkret mit ihnen. Basierend auf deren Wahlprogrammen haben wir ihnen weitere konkrete Fragen gestellt. Alle Parteien haben die Wahlprüfsteine beantwortet, bis auf das BSW auch sehr fundiert und detailliert. Wir haben alles umfassend auf unserer Homepage veröffentlicht, weil wir das Gefühl hatten, dass wir als Dachverband diese detaillierte Arbeit leisten müssen. Bei der AfD bestehen gerade bei den Themenbereichen Integration und Inklusion große Fragezeichen, ob das mit den Werten des Sports, wie wir sie kennen und schätzen, vereinbar ist. Das ruft bei vielen Befürchtungen hervor, bei manchen auch Ängste. Gleichzeitig schreckt es uns nicht ab, uns damit auseinanderzusetzen, wir stellen umso mehr die notwendigen Fragen. Es werden mit Aussagen wie „Integrationskonzept gescheitert“ Bilder gezeichnet, die eine extreme Separierung von Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund befürchten lassen. In Interviews wird das zwar relativiert, aber daran merkt man die Unklarheiten von AfD-Politikern, die bestehen.
Wie kann und wie sollte sich der Sport bezüglich der anstehenden Wahlen positionieren, warum ist eine Positionierung wichtig?
Otto Fricke: Weil sie Sicherheit und allen Beteiligten im Sport das Gefühl gibt: Wenn ich mich an diese Richtlinien halte, bin ich nicht allein. Gemeinschaft ist das, was den Sport ausmacht. Mit einer Positionierung bildet der Sport ein Bollwerk gegen Angriffe von außerhalb der demokratischen Ordnung. Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass wir uns gegen jeglichen Extremismus positionieren, um bei allen Diskussionen sagen zu können: Wenn es sich um Extremismus handelt, der sich gegen unsere Grundwerte richtet, gehen wir dagegen vor!
Christian Schreiber: Wir haben uns gegen jegliche Form von Extremismus positioniert und konnten das Gefühl vermitteln, dass wir gut vorbereitet sind und uns intensiv mit der Thematik beschäftigen. Wir sind, das spiegeln uns unsere Kreise und Verbände, eine Art Gatekeeper. Wir wissen, wie das Stimmungsbild ist, aber wir fragen niemals ab, wer was wählt, wie wir auch keinen Unterschied machen zwischen Hautfarbe oder Dialekt. Eine Positionierung hat die wichtige Bedeutung, dass wir weiterhin fest zu unseren Werten stehen. Diese stehen schon lange Zeit bei uns in Paragraf zwei unserer Satzung sowie in unserer Richtlinie für gute Vereinsführung. In einer gemeinsamen Sitzung mit dem Vorstand unserer Sportjugend haben wir die Gruppe gebildet, die in Krisensituationen geschlossen agiert, und in diesem Kreis beschlossen, dass wir mögliche Streitpunkte ausdiskutieren, um mit einem umfassenden Mandat antreten zu können.
Wer nicht Teil des Wahlkampfes in Sachsen-Anhalt ist, bekommt manchmal das Gefühl, dass es zu wenige Möglichkeiten echten Dialogs zwischen Menschen mit gegensätzlichen politischen Ansichten gibt. Welche Dialogmöglichkeiten sollte der Sport bieten, und welche gab es in Sachsen-Anhalt konkret?
Christian Schreiber: Ich teile diese Prämisse nicht. Wir haben uns im Februar in einer Klausur mit Präsidium und Vorstand verständigt, dass wir tiefer in die Fläche gehen. Der Sport hat immer wieder Möglichkeiten geboten, dass sich Menschen mit verschiedenen Positionen in einem Raum treffen. Dort wurde auch mal zugehört, das ist das wichtigste Tool, um Konflikte auszuhalten. Das ist nichts, was wir den Vereinen sagen müssen, das ist ein gemeinsames Verständnis. Denk- und Kontaktverbote, die von Medien immer wieder suggeriert werden, sorgen für eine gefühlte Verengung in der Meinungsäußerung, obwohl es faktisch keine Einschränkungen gibt. Im Sport ist man zusammengekommen und hat darüber gesprochen. Es ist aber nicht die Aufgabe des Sports, die Mitglieder zusammenzurufen und statt gemeinsamen Sporttreibens über Politik zu diskutieren, gleichzeitig ist dies aber möglich. Generell sind wir jedoch kein geeignetes Instrument für politischen Aktivismus.
Otto Fricke: Das wäre ungefähr so, als wenn wir Menschenrechtsaktivisten dazu auffordern würden, dass sie mal mehr Sport treiben sollten, weil wir uns für die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele bewerben. Sport bietet, gerade im Teamsport, immer Nähe, man kommt nah an andere Menschen heran, berührt sie im wahrsten Wortsinn. Alle Kontaktverbote führen dazu, dass die Kameradschaft, die im Sport üblich ist, kaputt gemacht wird. Niemand muss sich zu politischen Themen äußern, aber eine Offenheit dafür, vernünftig miteinander zu reden, ist dem Sport immanent. Nähe sollte immer möglich sein.
Luftqualität: Ein unterschätzter Faktor im Sport
Beim Sport wird schneller und tiefer geatmet – dadurch können auch mehr Schadstoffe und Allergene in die Atemwege gelangen. Die Luftqualität kann damit ein wichtiger Faktor für Gesundheit und Leistungsfähigkeit sein. Miranda Wilson hat dies bei den Badminton-Weltmeisterschaften in Neu-Delhi vom 17. bis 23. August 2026 selbst erlebt. Im Interview berichtet die Badmintonspielerin und Projektmanagerin des DOSB-geförderten Pilotprojekts „Cool Court“ des Deutschen Badminton-Verbandes von ihren Erfahrungen mit der Luftqualität und dem Umgang damit im Leistungssport.
Zum Dienstjubiläum: Otto Frickes privates Alphabet
A wie Acht: Mein Vorname bedeutet in italienischer Sprache, die ich nicht erst seit meinen ersten Winterspielen in diesem Februar sehr mag, acht. Zudem war die Acht meine Rückennummer beim Elternhockey, das ich spielen musste, nachdem ich von meiner zehnjährigen Tochter bei ihrem Hockeyspiel gefordert hatte, sie solle doch mehr laufen. „Lauf doch selbst erstmal mehr“ war die Antwort, und da hatte sie recht. Habe ich danach nie wieder gefordert.
B wie Buckelpiste: Meine Eltern haben mir früher im Winterurlaub in Verbier (Schweiz) das Skifahren ermöglicht, und da gab es wahnsinnig viele Buckelpisten. Ich habe sogar mal als Jugendlicher an einem Wettbewerb teilgenommen, aber als Flachland-Tiroler war ich gnadenlos unterlegen. Ski fahre ich bis heute, aber viel zu wenig. Der Geist will mehr, als der Körper noch kann.
C wie Chicago Cubs: Ich liebe Baseball! Am Anfang war ich Fan der Toronto Blue Jays, weil ich 1992 mein erstes Livespiel in deren Stadion gesehen habe. Irgendwann guckt man aber nach den „Loveable Losers“, die 106 Jahre nicht Meister waren, und so bin ich längst Anhänger der Cubs. Die Atmosphäre im Wrigley Field ist einfach toll, ich war schon mehrfach dort. Insgesamt habe ich bisher 15 MLB-Stadien besucht.
D wie Demokratie: Sie ist die essenzielle Voraussetzung für ein gutes Leben. Wir müssen alles tun, um sie zu bewahren. Je mehr Leute sie verteidigen, umso weniger haben die, die sie verachten, eine Chance.
E wie evangelisch: Ich bin ein gläubiger, aber nicht religiöser evangelischer Christ, der mit seiner Kirche hadert, weil sie die Wichtigkeit der Seelsorge zu sehr aus den Augen verloren hat. Ich lebe meinen Glauben, indem ich bete, die christlichen Grundwerte beachte und erst einmal positiv auf jeden Menschen zugehe.
F wie Freiburg: Diese wunderbare Stadt war mein Studienort und ist immer wieder Sehnsuchtsort, weil der Hochschwarzwald zur Region Freiburg dazugehört. Die Liebe zu Freiburg liegt in der Familie: Meine Eltern haben dort studiert, mein Sohn studiert dort. Ich habe fünfeinhalb Jahre dort verbracht, war auch Mitglied der Baseballer der Freiburg Knights. Der „bleibende Schaden“ ist die Liebe zum SC Freiburg.
G wie Gleitschirm: Ich habe 1989 meine komplette deutsche Lizenz in den Vogesen gemacht. Damals war das noch kontrolliertes Sinken statt richtiges Fliegen. Ich wollte mir mit dem Gleitschirm immer den Traum vom Fliegen erfüllen. Am meisten bin ich in den Alpen geflogen, mein längster Flug dauerte 90 Minuten, das war auch in Verbier. Wegen des Risikos habe ich es aufgegeben, als die Kinder klein waren. Ich würde mir aber nach einem Auffrischungskurs zutrauen, es noch einmal zu machen.
H wie Hockey: Alle meine drei Kinder haben im Crefelder HTC Hockey gespielt, eine Tochter hat es bis zur Hallen-Bundesliga gebracht. Im CHTC bin ich noch immer Mitglied, habe dort auch Elternhockey gespielt. Ich schaue den Sport sehr gern und versuche, mich informiert zu halten. Hockey bietet eine wirklich tolle Gemeinschaft.
I wie international: Als überzeugter Europäer kann ich gar nicht anders, als mich international auszurichten, und als jemand, der Geschichte-Leistungskurs belegt hat, weiß ich, dass es ohne internationale Beziehungen nicht funktioniert. Sprachen zu lernen und Kulturen zu erkunden, macht mir Spaß, ich bin einfach neugierig. Mein liebstes internationales Reiseziel ist Norwegen, das mir ganz besonders am Herzen liegt. Meine Lieblingsinsel dort ist Senja.
J wie Jura: Die Rechtswissenschaften waren nicht mein erster Studienwunsch, das war Architektur, aber den NC habe ich mit meinem Abischnitt von 2,6 nicht geschafft. Also habe ich in Freiburg Jura studiert und bin dafür sehr dankbar. Von 1995 bis 2000 habe ich als Rechtsanwalt in Vollzeit gearbeitet, faktisch aber seit meinem 15. Lebensjahr in der Kanzlei meiner Eltern gejobbt, als Student die Buchhaltung gemacht. Auch als Abgeordneter im Bundestag habe ich, wenn es zeitlich ging, im privaten Baurecht weitergemacht, meine Spezialität waren feuchte Keller. Ich kann mir vorstellen, es wie meine 89 Jahre alte Mutter zu machen und bis ins hohe Alter zu arbeiten. Für das Gehirn gilt, was auch im Sport gilt: dass Training fit hält.
K wie Krawatte: Ein Mann aus der Seidenstadt Krefeld kann nicht ohne Krawatte. Ich empfinde sie als eine der wenigen Möglichkeiten, die ein Mann hat, um Schmuck zu tragen. Farblich auf die Krawatte abgestimmte Kniestrümpfe runden das Gesamtbild ab. Im Referendariat habe ich damit angefangen. Wenn ich wusste, dass ich Mandantenkontakt habe, habe ich eine Krawatte getragen, und seitdem ziehe ich es durch. Ich bin aber auch im DOSB ein liberaler Krawattenträger: Ich darf, andere müssen nicht.
L wie Lakritz: Im DOSB habe ich diese Leidenschaft eingeführt, auch wenn sie noch nicht von vielen geteilt wird. Lakritze gab es bei uns zu Hause schon immer, und das regelmäßige Verbringen der Sommerferien in den Niederlanden hat die Zuneigung verfestigt. Meine Lieblingssorte sind niederländische Honig-Lakritze. Das Beste daran ist: In Süddeutschland isst sie dir niemand weg.
M wie Musik: Ich mag Musik sehr! Ich singe sehr gern, angeregt durch meine Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung. Auch Singen im Stehen in der Kirche befreit und lockert. Wer das nicht glaubt, muss sich nur Fangesänge im Stadion anhören. Ich bin nicht auf einen Stil festgelegt. Meine Lieblingsband ist Depeche Mode, ich höre aber auch gern Klaviermusik, je nach Stimmung. Ich war sehr früh Kraftwerk-Fan, 1984 bin ich zu einem Konzert nach Düsseldorf gegangen, auch weil das Gründungsmitglied Ralf Hütter aus Krefeld kam. Ein Instrument habe ich leider nicht gelernt, obwohl wir ein Klavier zu Hause hatten und mein Vater Akkordeon gespielt hat.



