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Die Faszination der Vielseitigkeit
Die besondere, weltweit geschätzte Atmosphäre, die der Sportpark Soers in Aachen für den Pferdesport entwickeln kann, hat Julia Krajewski schon früh schätzen gelernt. 17 Jahre war sie alt, als 2006 zum bislang letzten Mal die damals noch als Weltreiterspiele bekannten Weltmeisterschaften in Deutschland ausgetragen wurden. „Ich war damals mit meinen Eltern am Geländetag zu Fuß unterwegs und habe die Stimmung auf mich wirken lassen. Aachen war schon damals wahnsinnig beeindruckend und ist es bis heute geblieben“, sagt die Vielseitigkeitsreiterin, die in dieser Woche vor einer ganz besonderen Herausforderung steht. Im Zuge der Heim-WM, die von diesem Dienstag bis zum 23. August ausgetragen wird, geht sie im Einzel und mit der Mannschaft auf Medaillenjagd. „Eine WM in Aachen als Sportlerin erleben zu dürfen, ist etwas ganz Besonderes. Natürlich ist der Druck hoch, weil das Publikum Erfolge von einheimischen Reitern sehen will. Aber damit kann ich umgehen und freue mich riesig auf die kommenden Tage“, sagt die 37-Jährige.
Ihr Name ist auch Pferdesport-Laien spätestens seit den Olympischen Spielen 2021 in Tokio ein Begriff. Als erste Frau in der Geschichte der Vielseitigkeit, die aus den Teildisziplinen Dressur, Geländeritt und Springen besteht, konnte die Niedersächsin mit ihrer 2023 vom Leistungssport zurückgezogenen Stute Amande de B’Neville Olympiagold gewinnen. „Olympiasiegerin bleibt man für immer, damit kann jeder etwas anfangen“, sagt sie, „die Dinge funktionieren zwar auch danach nicht von allein, aber man bekommt mehr Möglichkeiten, mit Sponsoren oder Pferdebesitzern zu arbeiten.“ Besonders gefreut habe sie sich darüber, dass ihr Triumph viele Mädchen und Frauen dazu inspiriert hat, ebenfalls den Weg in den Pferdesport zu suchen. „Ich habe viele Zuschriften bekommen, auch aus Ländern, in denen es nicht selbstverständlich ist, dass Frauen im Pferdesport aktiv sind“, sagt sie. Persönlich habe sie vor allem in puncto Selbstvertrauen profitiert. „Der Olympiasieg hat mir gezeigt, dass ich ganz oben mithalten kann, er hat mich gelassener werden lassen.“
Vor vier Jahren gewann Julia WM-Gold mit dem Team
Aus sportlicher Sicht ist WM-Gold in der Reitwelt genauso hoch angesehen wie olympisches Gold, auch weil die Welttitelkämpfe ebenfalls nur alle vier Jahre ausgetragen werden. Deshalb strebt Julia, die 2022 in Pratoni del Vivaro (Italien) Gold mit dem Team und Silber in der Einzelwertung gewinnen konnte, in Aachen erneut nach der doppelten Krönung. „Mit dem Team ist eine Medaille absolut drin, für eine Einzelmedaille muss die Tagesform stimmen und vieles perfekt laufen“, lautet ihre ehrliche Selbsteinschätzung. Wenn sie ihr Ziel, in jeder Teildisziplin die bestmögliche Leistung zu bringen, erreicht, dürfte ein Abschneiden wie vor vier Jahren zumindest im Bereich des Machbaren liegen.
Dass in der Vielseitigkeit die Mannschaftswertung, die aus den Einzelergebnissen zusammengesetzt wird, Priorität besitzt und in gewissen Konstellationen das persönliche Abschneiden zurückgestellt werden muss, ist für Julia Krajewski noch nie ein Problem gewesen. „Ich habe es früh gelernt, dass zuerst geschaut wird, wie die beste Teamleistung geliefert werden kann. Wenn das bedeutet, dass man zum Beispiel mit einem eher vorsichtigen Ritt im Gelände die persönlichen Medaillenchancen schmälert, aber das Resultat des Teams absichern kann, ist das für mich fein. Wenn das Team eine Medaille gewinnt, gewinnt in der Regel auch mindestens ein Teammitglied eine Einzelmedaille. Und davon profitiert mal der eine und mal die andere. Im Team fängt man sich gegenseitig auf, deshalb ist eine Teammedaille etwas sehr Besonderes“, sagt sie auch mit Blick auf ihre ersten Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro, als sie mit Samourai du Thot das Streichergebnis lieferte, aber dennoch Teamsilber gewann.
Bundestrainer Thomsen fehlt wegen eines Reitunfalls
In diesem Jahr sind neben ihr der vierfache Olympiasieger Michael Jung (43/Horb) mit Chipmunk, Malin Hansen-Hotopp (48/Hürup) mit Carlitos Quidditch, Libussa Lübbeke (25/Warendorf) mit Caramia und Christoph Wahler (32/Uelzen) mit D'Accord für das Team nominiert. Reservereiter ist Arne Bergendahl (35/Hamminkeln) mit Bronco. Welche vier Duos für den Teamwettbewerb nominiert werden, entscheidet sich kurzfristig. Nicht dabei ist einer, der Julia Krajewski für persönliche Gespräche besonders fehlen wird: Peter Thomsen. Der Bundestrainer erholt sich noch immer von den Folgen eines Reitunfalls im Juni, der 65-Jährige wird vom Franzosen Rodolphe Scherer vertreten. „Das funktioniert gut und hat sich schnell eingespielt. Wir sind nach Peters Ausfall noch einmal enger zusammengerückt und wollen nun für ihn Medaillen holen“, sagt Julia.
Wer die Pferdewirtschaftsmeisterin fragt, worin für sie die Faszination der Vielseitigkeit liegt, erhält eine Antwort, die erahnen lässt, wie tief ihre Leidenschaft für den Sport sitzt, und wie verantwortungsbewusst sie gleichzeitig für die Beziehung zum Sportpartner Pferd eintritt. „Die Herausforderung ist, die Pferde so umfassend und komplex zu trainieren, dass sie alle drei Disziplinen in etwa gleich gut beherrschen. Die Pferde sind quasi Triathleten, sie sind Alleskönner, die Ausdauer im Gelände, Ausdruck in der Dressur und Technik im Springen in sich vereinen“, sagt sie. Immer wieder aufs Neue überrasche sie die Intelligenz der Tiere, die innerhalb weniger Stunden zwischen den Herausforderungen umschalten könnten. „Das ist jedes Mal beeindruckend und deshalb strategisch auch sehr spannend.“
Während in Zeiten, als die Vielseitigkeit noch unter Military firmierte, manchmal geunkt wurde, dass deren Protagonist*innen im Reiten zwar vieles ein bisschen, aber nichts richtig beherrschen würden, hat sich das Ansehen längst gewandelt. „Die besten Vielseitigkeitsreiter halten mittlerweile auch in Wettkämpfen in den Spezialdisziplinen mit der Weltspitze mit. Das Niveau ist wahnsinnig hoch und wird in der Szene respektiert und anerkannt“, sagt Julia, die persönlich keine Lieblingsdisziplin hat. „Das ist pferde- und situationsabhängig. Das größte Talent habe ich wohl in der Dressurarbeit. Beim Springen hat es etwas länger gedauert, bis ich mich sicher fühlte, aber das geht mittlerweile auch problemlos.“ Das größte Augenmerk legt sie sowohl bei sich selbst als auch beim Pferd auf die körperliche Fitness. „Ausdauer- und Konditionsarbeit ist die Basis. Die konditionelle Grundlage beim Pferd muss gut sein, das dient der Gesunderhaltung. Erst danach schauen wir, ob das Pferd mehr Gymnastik oder mehr Sprungtraining braucht. Individualität zu beachten ist extrem wichtig.“
Extremhitze verändert den organisierten Sport
Besonders sichtbar wurde dies in den vergangenen Wochen bei der Tour de France. Erstmals in der Geschichte des Rennens wurde eine Etappe aufgrund extremer Hitze verkürzt, nachdem für Teile der Strecke die höchste Hitzewarnstufe ausgerufen worden war. Gleichzeitig bereiteten sich die Organisatoren auf weitere Einschränkungen bis hin zu möglichen Etappenabsagen vor, sollte sich die Wetterlage weiter verschärfen. Die Gesundheit von Athlet*innen, Helfer*innen und Zuschauer*innen stand dabei im Mittelpunkt der Entscheidungen.
Auch in Deutschland hat die Hitzewelle Auswirkungen auf den Sportbetrieb. Zahlreiche Sportvereine und Veranstalter reagierten in den vergangenen Wochen mit angepassten Trainingszeiten in den frühen Morgen- oder Abendstunden, zusätzlichen Trink- und Kühlmöglichkeiten sowie Änderungen bei Turnieren und Laufveranstaltungen, um die gesundheitlichen Belastungen für Teilnehmende und Ehrenamtliche zu reduzieren.
Zwei Stars, ein Ziel: Die Boom-Disziplin zum EM-Gold führen
Die deutsche Leichtathletik hat in den vergangenen Monaten so einige Geschichten geschrieben, die es rechtfertigen, mit großer Vorfreude und ebensolcher Titelhoffnung auf die Europameisterschaften zu schauen, die vom 10. bis 16. August in der mittelenglischen Stadt Birmingham ausgetragen werden. Es gibt jedoch keine andere Disziplin, in der die Medaillenträume so gleichmäßig auf die Geschlechter verteilt sind wie im 3.000-Meter-Hindernislauf. Wie passend also, dass sich die beiden Mittelstreckenstars, die die nationalen Rekorde über diese Distanz halten, in der Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt zu ausführlichen Mediengesprächen stellten, um den Boom zu ergründen und ihre Zielstellungen zu untermauern.
Dass es einen Boom gibt, darin sind sich Gesa Felicitas Krause und Frederik Ruppert einig. Auch wenn Frederik, der Ende Mai beim Diamond-League-Meeting in Rabat (Marokko) als erster Europäer die magische Acht-Minuten-Marke knackte und in 7:57,80 Minuten den Europarekord pulverisierte, ihn nicht auf seine Disziplin beschränken würde. „Grundsätzlich sehe ich, dass viele deutsche Leichtathleten in den vergangenen Jahren deutliche Leistungssteigerungen erreichen konnten. Die Trainingsmethodik und das Material haben sich so sehr verbessert, dass körperliche Voraussetzungen nicht mehr die entscheidende Rolle spielen“, sagt der 29-Jährige von der LAV Stadtwerke Tübingen. Und bessere Leistungen sorgten dafür, dass die Konkurrenz mitgezogen würde. „2025 war es zum Beispiel Mo Abdilaahi, der uns mit seinem deutschen Rekord über 5.000 Meter inspiriert hat“, sagt er. Gesa, die für den Verein Silvesterlauf Trier an den Start geht, sieht das ähnlich. „Konkurrenz belebt nun einmal das Geschäft, und je mehr starke Leute wir haben, desto besser. Das ist auf den 3.000 Meter Hindernis aktuell sehr gut zu beobachten“, sagt die 33-Jährige, die 2019 in Doha (Katar) in 9:03,30 Minuten den aktuell geltenden deutschen Rekord aufstellte.
Gesa holt überzeugend den deutschen Meistertitel
Bei den deutschen Meisterschaften am 25./26. Juli in Bochum-Wattenscheid wurde das vor allem im Frauenrennen deutlich. Gesa Krause siegte in Meeting-Rekordzeit von 9:24,40 Minuten. Hinter ihr reihten sich drei weitere Titelträgerinnen der vergangenen vier Jahre ein: ihre Vereinskollegin Olivia Gürth (24/9:27,08), Lea Meyer (28) vom VfL Löningen in 9:30,96 und Adia Budde (21/LAV Stadtwerke Tübingen) in 9:43,41. Dagegen musste das deutsche Topduell bei den Männern ausfallen. Während Karl Bebendorf (30) vom Dresdner SC über seine Stammstrecke trotz eines Sturzes in 8:21:01 Minuten seinen siebten DM-Erfolg feierte, zog Ruppert den Härtetest über die flachen 5.000 Meter vor und gewann dort dank seiner immensen Spurtstärke nach einem Bummelrennen in 14:08,18 Minuten. „Das war schon gut so“, sagte Bebendorf, den mit Ruppert eine dicke Freundschaft verbindet, „es reicht, wenn wir dann bei der EM aufeinandertreffen.“



